Ertrinken

Ertrinken und Tauchen:

Ertrinken kann doch kein Thema für Taucher sein! Taucher haben doch alles dabei, was Ertrinken unwahrscheinlich werden läßt. So haben die allermeisten Taucher ja so viel Auftrieb, daß sie extra Gewichte mitnehmen müssen, um abtauchen zu können. Bekanntlich sind diese Gewichte auch so befestigt, daß sie jederzeit und bequem abgeworfen werden können, um im Notfall den Auftrieb wieder herzustellen. Zur Sicherheit kann der Auftrieb variabel gestaltet werden, dafür gibt es Westen und Jackets. Und schließlich führt jeder Taucher in seiner Preßluftflasche einen Luftvorrat mit, der es ihm ermöglicht, unter Wasser zu atmen. Ein für Taucher also uninteressantes Thema, oder?

Ein Blick in die Unfallstatistiken mag da zu einem Umdenken führen: tödliche Unfälle beim Tauchen sind zwar selten, in der großen Mehrzahl aller tödlichen Tauchunfälle findet die gerichtsmedizinische Untersuchung jedoch Ertrinken als eine der Ursachen, die zum Tod geführt haben. Häufig ist es sogar die einzige erkennbare Todesursache. Ertrinken ist also sehr wohl ein Thema für Taucher, ein wichtiges sogar! Genaugenommen geht es in diesem Artikel jedoch nicht um Ertrinken, sondern um das Beinaheertrinken. Da diese Begriffe in der Literatur leider häufig durcheinander laufen, ist zunächst eine Begriffsbestimmung nötig: Ertrinken ist ein abgeschlossener Vorgang, nämlich der Tod durch Ersticken in Folge Untertauchens in einer Flüssigkeit. Im Gegensatz dazu ist beim Beinaheertrinken der Ausgang des Geschehens offen, bei schneller und sachgerechter Hilfe besteht die Chance auf Rettung und damit auf das Überleben des Verunfallten.

Als weitere Vorbemerkung ist nötig zu erwähnen, daß in der Literatur traditionsgemäß zwischen dem Ertrinken in Salzwasser und in Süßwasser unterschieden wird. Obwohl dies tatsächlich unterschiedliche Auswirkungen auf die dann ablaufenden Vorgänge im Körper hat (siehe Grafik), ist diese Unterscheidung für den Ersthelfer weder sinnvoll, noch hilfreich. Die Erstmaßnahmen sind in beiden Fällen gleich. Aber was passiert nun beim Vorgang des (Beinahe-)Ertrinkens?

In der Regel ist der Ablauf folgendermaßen: ein ungewolltes und / oder unerwartetes vollständiges Untertauchen führt zu bewußtem Luftanhalten, verbunden mit heftigen Bemühungen, zurück an die Wasseroberfläche zu gelangen. Gegen Ende dieser Phase, wenn willentliches Luftanhalten nicht mehr möglich ist, kommt es zum Einatmen zunächst geringer Mengen Flüssigkeit, was zum Stimmritzenkrampf führt. Der Verunfallte schluckt nun in zunehmender Panik größere Mengen Flüssigkeit und erbricht. Infolge des zunehmenden Sauerstoffmangels kommt es zur Bewußtlosigkeit und Lösen des Stimmritzenkrampfes. Bei mittlerweile maximalem Atemreiz kommt es zur unwillkürlichen Einatmung, wobei nicht Luft, sondern Wasser in die Lunge eingesogen wird.

Dies hat nicht nur zur Folge, daß sich der bereits bestehende Sauerstoffmangel verstärkt, sondern es führt auch dazu, daß große Teile der Lunge nicht mehr für den Gasaustausch zur Verfügung stehen. Es kommt zu erheblichen Veränderungen im Säure-Basen-Haushalt des Körpers und des Zellstoffwechsels. Diese Veränderungen und vor allem die fortschreitende Sauerstoffunterversorgung führen zum Kammerflimmern und damit letztendlich zum Herzstillstand. Diesen Vorgang nennt man nasses Ertrinken, er liegt in ca. 85% der Fälle vor.

Eine Besonderheit ist das trockene Ertrinken, bei dem der Eingangs erwähnte Stimmritzenkrampf aus nicht bekannten Gründen auch nach Verlust des Bewußtseins erhalten bleibt. In diesem Fall kommt es zu keinem Einatmen von Wasser, sondern allein zum Sauerstoffmangel. Rechtzeitiges Retten und Erste-Hilfe-Maßnahmen haben daher günstigere Aussicht auf Erfolg.

Als Besonderheit bei Tauchern ist erwähnenswert, daß hier häufiger eine Bewußtlosigkeit unter Wasser zum Ertrinken führt (Gründe dafür siehe z.B. tauchen 3/96). Der erste Teil des beschriebenen Ablaufs fehlt daher in diesen Fällen, der weitere Verlauf ist jedoch mit dem vorher beschriebenen identisch.

Wichtig ist schnelle Rettung! Dazu müssen Verunfallte rasch gerettet und an die Wasseroberfläche gebracht werden. Der Transport ans Ufer, bzw. in ein Boot muß ebenfalls schnellstmöglich erfolgen. In dieser Phase der Rettung wird gelegentlich schon die Beatmung während des Transportes im Wasser empfohlen, was hier nur der Vollständigkeit halber aufgeführt wird. Der Nutzen dieser Maßnahme ist jedoch sehr fraglich. Im Vordergrund muß in jedem Falle der Transport dorthin stehen, wo weiterführende Maßnahmen mit größtmöglicher Effektivität durchgeführt werden können (Land oder Boot). Falls nötig, muß dort schnellstmöglich mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung begonnen werden. Idealerweise sollte die Beatmung mit erhöhtem Sauerstoffanteil in der Einatemluft (möglichst 100% Sauerstoff) durchgeführt werden, da, wie oben erwähnt, die für den Gasaustausch zur Verfügung stehende Fläche in der Lunge durch das eingedrungene Wasser vermindert ist.

Aus diesem Grund müssen auch spontan atmende Verunfallte Sauerstoff (möglichst 100%), oder zumindest mit Sauerstoff angereicherte Luft atmen. Außerdem müssen diese Geretteten ständig überwacht werden, da sich ihr Zustand jederzeit und plötzlich verschlechtern kann. Keinesfalls soll jedoch Zeit mit dem Versuch vergeudet werden, Wasser aus der Lunge des Verunfallten zu entfernen. Dies ist nicht nur unnötig, es verzögert auch den Beginn der effektiven Maßnahmen und schadet daher eher!

Neben einer guten Erstversorgung muß für einen raschen Transport in ein Krankenhaus gesorgt werden. Wieder gilt dies sowohl für Verunfallte, bei denen Herz-Lungen-Wiederbelebung notwendig war, als auch bei denen, die spontan atmend, evtl. sogar bei Bewußtsein, geborgen werden konnten. In jedem Falle ist die Überwachung auf einer Intensivstation nötig, da es, wegen der bestehenden Lungenschädigung, noch Stunden bis Tage nach dem Ereignis zu einer plötzlichen Verschlechterung des Zustandes kommen kann (sogenanntes sekundäres Ertrinken). Das Thema Ertrinken/Beinaheertrinken ist also für jeden Taucher von Bedeutung.

Die Erste-Hilfe-Maßnahmen zu kennen ist ebenso wichtig, wie die Kenntnis der Erstmaßnahmen zum Beispiel bei einem Dekompressionsunfall. Und ebenso, wie beim Deko-Unfall sind die Grundpfeiler einer erfolgreichen Behandlung rasches, überlegtes Handeln, falls nötig Herz-Lungen-Wiederbelebung und in jedem Falle die Gabe von möglichst 100% Sauerstoff. Auch weiterhin wird Ertrinken/Beinahe-ertrinken für Taucher ein Thema bleiben müssen, doch mit steigender Zahl kompetenter Ersthelfer vielleicht kein so trauriges mehr!